Konzept zur „Modellregion für Erziehung“
Konzept zur „Modellregion für Erziehung“
Deutscher Richterbund Landesverband NRW
in Kooperation
mit der Technischen Universität Braunschweig
Institut für Psychologie
Warum Prävention wichtig ist
Gewalt als gesellschaftliches Problem
In allen industrialisierten Staaten stellt Gewalt ein großes soziales Problem dar. Aggressives, unsoziales Verhalten von Jugendlichen und Erwachsenen ist dabei häufig das Ergebnis eines Prozesses, der schon in der frühen Kindheit beginnt. Deshalb gewann das Thema Prävention von oppositionellem und aggressivem Problemverhalten bei Kindern in den letzten Jahren nicht nur in der klinisch-psychologischen und pädagogischen Forschung, sondern auch in der Öffentlichkeit an Bedeutung, insbesondere im Zusammenhang mit dem vermuteten Anstieg von Gewalt in Kindergärten und Schulen.
Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen sind häufig
Epidemiologische Studien zeigen, dass ca. 20% aller Kinder und Jugendlichen klinisch bedeutsame Verhaltensauffälligkeiten wie Ängste, Depressionen und vor allem aggressives Verhalten und oppositionelles Trotzverhalten aufweisen, somit sind in Deutschland ca. 2 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 1 bis 16 Jahren und deren Familien betroffen. Dabei handelt es sich oft um schwierige, chronische und kostenintensive Verhaltensstörungen, die auch mit deutlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergehen. Insbesondere aggressives Verhalten scheint über den Entwicklungsverlauf sehr stabil zu sein.
Aggressives Verhalten ist stabil
Je früher und je häufiger das problematische Verhalten auftritt, je ausgeprägter und vielfältiger es sich äußert und je unabhängiger vom jeweiligen Kontext, desto stabiler ist auch der Verlauf. Diese Kinder sind stärker als andere gefährdet, ungeschützten Geschlechtsverkehr, Trunkenheit im Straßenverkehr, Verkehrsunfälle, Arbeitslosigkeit, Missbrauch durch Eltern und Geschwister, Lernschwierigkeiten in der Schule, Selbstmord oder Tod durch äußere Gewalteinwirkung zu erleiden.
Welche Risikofaktoren kennen wir?
Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass familiäre Risikofaktoren wie schlechtes Erziehungsverhalten, Konflikte innerhalb der Familie und das Scheitern der elterlichen Beziehung die kindliche Entwicklung in starkem Maße beeinflussen können. Viele Kinder sind den genannten familiären Risikofaktoren ausgesetzt, allein durch Scheidung waren 2003 ca. 150.000 Kinder betroffen. Ein großes Problem ist die zunehmende Verbreitung familiärer Gewalt. Verlässliche Zahlen sind nicht verfügbar, Schätzungen gehen von ca. 100.000 Kindesmisshandlungen und 150.000 bis 300.000 Fällen von sexuellem Missbrauch pro Jahr aus. Besonders solche Kinder sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt Verhaltens- und emotionale Probleme zu entwickeln, die keine enge, positive Beziehung zu den Eltern aufbauen konnten, strengen und inkonsequenten/inkonsistenten Erziehungsmaßnahmen ausgesetzt waren, deren Eltern Eheprobleme hatten oder sich scheiden ließen und bei denen ein Elternteil psychisch erkrankte. Anders ausgedrückt: „Kompetente Eltern haben auch kompetente Kinder“.
Problemfeld elterliche Erziehung
Die genannten Probleme sind somit oft direkt oder indirekt auf eine mangelhafte elterliche Erziehung zurückzuführen. Damit soll allerdings nicht gesagt werden, dass eine schlechte Erziehung die Ursache aller Jugendprobleme in der Gesellschaft ist, dennoch spielt sie in vielen Fällen zweifellos eine wesentliche Rolle. Auch wenn die Erziehung nur einen Faktor der Jugendproblematik ausmacht, so ist zumindest dieser Faktor potenziell veränderbar. Betont werden muss, dass die Beziehungen zwischen den Merkmalen des elterlichen Erziehungsverhaltens und der kindlichen Verhaltensstörungen nicht unidirektional sondern transaktionaler Natur sind. Kindliches Problemverhalten kann die elterliche Beziehung verschlechtern und sich auch auf das elterliche Erziehungsverhalten ungünstig auswirken.
Wie verunsichert Eltern bei der Kindererziehung sind, wurde in der Braunschweiger Kindergartenstudie – einer Befragung an 800 Eltern von Kindergartenkindern – deutlich. Dabei gaben 68 % der Eltern an, dass sie nicht wissen, ob sie die Erziehungsaufgabe gut oder schlecht erfüllen und nur 37 % sind der Meinung, dass Erziehung zu schaffen ist und auftretende Probleme leicht zu lösen sind.
2. Vorbeugen statt Behandeln
Therapeutische Maßnahmen haben eine relativ geringe Reichweite. Zudem besteht im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie eine massive Unterversorgung. Diese ist in der Vergangenheit dadurch verschärft worden, dass bei Auffälligkeiten im Kindesverhalten, die auf Erziehungsproblemen beruhen, auch dann ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wird, wenn eine Chronifizierung noch nicht besteht. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands spricht in diesem Zusammenhang von einer Medizinisierung der Erziehungsprobleme, wodurch die Sozialversicherungssysteme in erheblichem Maß belastet werden. Selbst wenn es gelänge, die ärztliche Versorgung sicher zu stellen, könnten all diese gut ausgebildeten Fachleute an der Gesamthäufigkeit psychischer Störungen von Kindern und Jugendlichen und der Häufigkeit von Gewalttaten und Kriminalität in der Gesellschaft keine wesentlichen Änderungen erreichen. Gleichzeitig sind die Kosten von Folgeproblemen beträchtlich. Hier müssen gesellschaftliche Kosten wie auch persönliche Kosten berücksichtigt werden. Zu den gesellschaftlichen Kosten gehören - neben den bereits erwähnten Kosten für psychotherapeutische Behandlung - Kosten für Heimunterbringung, Familienhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Delinquenz, Justizvollzug, Bewährungshilfe, Abstinenz vom Arbeitsmarkt. An persönlichen Kosten sind z.B. die mangelnde Entfaltung der Persönlichkeit, psychische Störungen, soziale Isolation, eingeschränkte soziale Kompetenzen und Delinquenz zu beachten. Untersuchungen in den USA zeigen, dass ein delinquenter Jugendlicher lebenslang Kosten in Höhe von 1.5 Millionen € verursacht.
Alternative: Präventive Elterntrainings
Eine Alternative zur Senkung der Auftretenshäufigkeit psychischer Störungen liegt in der breitflächigen Einführung universeller präventiver Maßnahmen, sowie in der gezielten Anwendung indizierter präventiver Interventionen bei Kindern, die bereits Auffälligkeiten zeigen. Die „Grundausstattung“ und das „Rüstzeug für den Alltag“ müssen zu allererst von den Eltern, den originär Erziehungsverantwortlichen kommen. Präventive, elternzentrierte Maßnahmen sollten dabei so früh wie möglich im Kleinkind- oder Vorschulalter zum Einsatz kommen.
Die Herausforderung für Fachleute einer Vielzahl von Fachrichtungen, die mit Familien arbeiten, besteht darin, die Häufigkeit kindlicher Verhaltens- und emotionaler Probleme zu reduzieren. Um dieser Herausforderung zu begegnen, erscheint es daher am erfolgversprechendsten, das Selbstvertrauen der Eltern in ihre Erziehungsfertigkeiten zu stärken und die elterlichen Erziehungskompetenzen zu fördern. Ein Ziel sollte es sein, den Eltern ein möglichst kostengünstiges Programm anzubieten, das möglichst viele „Risikofamilien“ erreicht.
Nur durch Vorbeugung und breitenwirksame Ansätze können die Inzidenz (neu aufgetretene Fälle) sowie die Prävalenz (vorliegende Fälle) wirksam gesenkt und damit auch die Kosten in den genannten Bereichen reduziert werden. Insgesamt ist aus fachlicher Sicht eine deutliche Überlegenheit von Prävention über Intervention zu konstatieren, wenn wir auf gesellschaftlicher Ebene aggressives Verhalten und Gewalttaten von Kindern- und Jugendlichen (sowie von Erwachsenen) verringern möchten. Dies gilt sowohl für den Wirkungsgrad wie auch für die mit den Maßnahmen einhergehenden Gesamtkosten.
3 Anforderung an universelle Präventionsprogramme
Universelle Programme zielen auf die Allgemeinbevölkerung ab. Sie sind unabhängig von individuellen Risikofaktoren, der Anzahl, dem Ausmaß und der Intensität kindlicher Symptome. Ein präventiv wirkendes, universell einsetzbares Erziehungskonzept, das Eltern leicht zugängliche, qualitativ gute Informationen und Ratgeber anbietet, sollte folgenden Kriterien genügen.
Kriterien für Präventionsprogramme
1. Wirksamkeit: Eine wirksame, präventive Kampagne sollte die Auftretenshäufigkeit von kindlichen Verhaltensstörungen auf ein normales Maß reduzieren, die elterlichen Erziehungspraktiken verbessern und familiäre Risikofaktoren wie Depression, Ehekonflikte oder Alkoholmissbrauch verringern. Dabei sollte sie von Eltern eine hohe Akzeptanz und Zufriedenheit erfahren und eine Aufrechterhaltung der Erfolge gewährleisten.
2. Wissenschaftliche Validität: Ein Erziehungskonzept sollte Eltern neueste wissenschaftlich belegte Informationen vermitteln und außerdem einer systematischen Evaluation unterzogen werden. Die Vorgehensweise sollte klar beschrieben und die Ergebnisse wiederholbar sein.
3. Theoretische Einordnung: Ein effektives Präventionskonzept muss die ihm zugrunde liegenden Theorien deutlich machen, die darüber hinaus kohärent und empirisch gültig sein sollten. Diese Theorien sollten die bekannten familiären Risikofaktoren einbeziehen und darauf abzielen, die elterliche Erziehungskompetenz und Unabhängigkeit zu fördern, also Hilfe zur Selbsthilfe geben.
4. Erreichbarkeit: Präventionsprogramme sollten leicht zugänglich sein. Kinder und Eltern, die besonders dringend Hilfe benötigen, haben häufig keinen Zugang zu den entsprechenden Stellen im Gesundheitswesen und fürchten eine mögliche Stigmatisierung. Es muss daher versucht werden, sozioökonomisch schwach gestellte Familien über andere Wege zu erreichen. Anbieten würden sich dafür Einrichtungen, mit denen die Betroffenen aus anderen Gründen in Kontakt kommen, wie zum Beispiel Arztpraxen und schulische Einrichtungen, Horte, Gesundheitsämter, Nachbarschaftszentren oder Massenmedien.
Diese Forderungen stehen in Übereinstimmung mit den Schlussfolgerungen des kürzlich veröffentlichten WHO-Berichtes zur Prävention psychischer Störungen. Dort heißt es:
· Prävention seelischer Störungen hat hohe Priorität
· Effektive Prävention kann das Risiko verringern
· Seelische Störungen haben multiple Ursachen
· Interventionen müssen Schutz- und Risikofaktoren berücksichtigen
· Evidenz-basierte Programme sind zu fördern
· Interventionen müssen breitflächig angeboten werden, um die Inzidenz- und
Prävalenzrate zu senken.
4 Gibt es wirksame Hilfen in Deutschland?
Der Begriff Elterntraining ist mittlerweile in Deutschland bekannt. Gibt man in die Google-Suchmaschine das Schlagwort „Elterntraining“ ein, bekommt man über 10.000 Treffer. Problematisch ist bei dieser Fülle von Ansätzen, dass es für Eltern nahezu unmöglich ist, sich ein Bild davon zu machen, welche Programme oder Ansätze nachgewiesen wirksam sind und ihnen somit Hilfe für ihre Schwierigkeiten im Erziehungsalltag geben können. In Deutschland existiert eine große Anzahl von selbst erstellten präventiven Elternprogrammen, die empirisch in keiner Weise abgesichert sind. Es gibt seit kurzem jedoch mindestens drei Programme, die sich in Deutschland gegenwärtig in einer den evidenzbasierten Kriterien entsprechenden Evaluationsphase befinden:
a) EFFEKT EntwicklungsFörderung in Familien: Eltern- und Kinder-Training
(Prof. Lösel, Institut für Psychologie, Universität Nürnberg-Erlangen)
EFFEKT besteht aus einem Eltern- und einem spielerischen Kinderkurs, die sowohl einzeln als auch in Kombination angewendet werden können. In einer Studie mit über 600 Familien konnte gezeigt werden, dass mit diesen Kursen die soziale Entwicklung der Kinder unterstützt werden kann. Zudem können Schwierigkeiten im Verhalten und in der Erziehung verhindert werden.
Der Elternkurs zur Erziehungsförderung ist für alle Eltern von Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren geeignet, umfasst fünf Gruppensitzungen und enthält Tipps für Erziehungsprobleme:
- Wie kann ich das Selbstvertrauen meines Kindes stärken? - Wie erkläre ich meinem Kind klare Regeln? - Wie kann ich mit schwierigen Erziehungssituationen umgehen? - Wie kann ich den Stress in der Erziehung besser bewältigen? - Wie unterstütze ich die Freundschaften meines Kindes am besten?
Der Kinderkurs „Ich kann Probleme lösen IKPL“ besteht aus Spielen, findet in 15 Kurseinheiten statt und ist für Kinder von vier bis sieben Jahren geeignet. Hier üben die Kinder: - Gefühle bei sich selbst und anderen Kindern wahrzunehmen. - Gründe für das Verhalten anderer Kinder zu erkennen. - Folgen des eigenen Verhaltens einzuschätzen. - Lösungen für Konflikte mit anderen Kindern zu entwickeln.
b) PEP-Präventionsprogramm für expansives Problemverhalten
(Arbeitsgruppe Prof. Dr. M. Döpfner, Klinik und Poliklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Köln).
Expansive Verhaltensauffälligkeiten, die sich in aggressivem, oppositionellem und hyperkinetischem Verhalten äußern können, entwickeln sich häufig schon im Alter von drei bis sechs Jahren. Da bei chronifizierten Störungen mit hohem Schweregrad Behandlungserfolge begrenzt sind und die Mehrzahl der Kinder mit klinisch relevantem Schweregrad nicht zur Behandlung vorgestellt wird, scheinen frühzeitige Identifikation und Intervention dringend geboten. Das Präventionsprogramm für Expansives Problemverhalten ist für solche Kinder gedacht und besteht aus zwei Hauptkomponenten, einem Eltern-Programm (PEP-EL) und einem Erzieher-Programm (PEP-ER). Beide Programme (jeweils 10 Sitzungen) werden parallel in Gruppen anhand von Manualen durchgeführt. Präventive Maßnahmen sollten situationsbezogene, konkrete Hinweise für die Bezugspersonen betroffener Kinder anbieten. Die zeitliche Begrenzung eines Präventionsprogramms bringt es jedoch mit sich, dass inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden müssen. Diese Schwerpunkte orientieren sich an den spezifischen Situationen, die Eltern und Erzieher als problematisch beschreiben.
Basis und Kern des Programms ist die Stärkung der Erziehenden sowie der positiven Interaktion und damit der Beziehung mit dem Kind. Dies umfasst auch die Stärkung der Beziehung zwischen Eltern und Erziehern über konstruktive Interaktion. Die Teilnehmer planen unter Anleitung durch den Trainer zunächst ihr Verhalten gegenüber dem Kind in konkreten, individuellen Problemsituationen und setzen diesen Plan dann in ihrem Alltag in praktisches Handeln um. Eltern und Erzieherinnen werden somit gestärkt, nicht mehr spontan falsch - im Sinne negativer Interaktion - sondern überlegt besser - im Sinne konstruktiver Interaktion - zu handeln. Aus der praktischen Erfahrung soll sich eine positive Rückkopplung für die Stärkung der Teilnehmer ergeben. Werden schwierige Situationen zunehmend erfolgreicher bewältigt, können Erziehende ihre Misserfolgserwartungen verändern und fühlen sich zunehmend besser gewappnet. Auch kann ein Perspektivwechsel stattfinden, bei dem Eltern und Erzieher die Beziehung zum Kind und das Kind selbst als sich positiv verändernd erleben.
In einer Trainingsgruppe werden bis zu fünf Kinder durch ihre Eltern oder Erzieherinnen repräsentiert. Die Teilnehmerzahl liegt daher bei zwei bis etwa fünf Teilnehmern, wenn beide Elternteile kommen, auch höher. Sitzung 1 bis 3 stellen die unmittelbare Stärkung der Beziehung in den Mittelpunkt der Bemühungen und vermitteln mit dem Teufelskreismodell das zentrale Konzept zum Verständnis schwieriger Situationen zwischen Kindern und Erziehenden. In Sitzung 4 bis 6 wird das Grundmuster zur Lösung solcher Situationen anhand individueller Themen erarbeitet. Die folgenden 3 Sitzungen vertiefen dieses an typischen Situationen mit Beteiligung Dritter und die abschließende Sitzung 10 gibt einen zusammenfassenden Überblick, der dem Teilnehmer ein individuelles Resumé ermöglichen soll. Die Wirksamkeit des PEP konnte in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderten Studie nachgewiesen werden.
c) TRIPLE P
(Arbeitsgruppe Prof. Dr. K. Hahlweg, Institut für Psychologie, Technische Universität Braunschweig)
Das Triple P (Positive Parenting Program) ist ein wissenschaftlich fundiertes, präventives Erziehungsprogramm aus Australien, das Eltern – unter Berücksichtigung ihrer Stärken und Ressourcen – positive Erziehungskompetenzen vermittelt und in über 30 Studien untersucht wurde. Der Umfang der aufeinander abgestimmten Beratungs-, Trainings- und Unterstützungsangebote richtet sich nach den Bedürfnissen der Eltern. Das Programm kann sowohl in Gruppen (6-10 Familien, vier Gruppensitzungen mit anschließend vier Telefonkontakten) als auch mit einer einzelnen Familie durchgeführt werden. Als Trainer kommen ErzieherInnen, KinderärztInnen, PädagogInnen und PsychologInnen in Betracht. Es existieren viele schriftliche Materialien und Videos für die Selbsthilfe.
Was ist positive Erziehung? Positive Erziehung bedeutet, die Entwicklung von Kindern zu fördern und mit kindlichem Verhalten in einer konstruktiven und nicht verletzenden Art und Weise umzugehen. Kinder, die viel Zuwendung und eine positive Erziehung bekommen, können ein positives Selbstbild aufbauen, ihre Fähigkeiten entwickeln und selbstständig werden. Triple P fördert das Selbstwertgefühl, die sozialen Kompetenzen der Kinder und ihre Fähigkeit, Gefühle auszudrücken.
Wie wirksam ist Triple P? Triple P basiert auf dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Die Wirksamkeit des Programms wird in allen Ländern, in denen es eingeführt wird (z.B. Australien, Belgien, England, Kanada, Niederlande, Schottland, Schweiz, Singapur, USA), kontrolliert. In den Studien zeigten sich für die verschiedensten familiären Situationen übereinstimmend positive Ergebnisse. Bei den an Triple P teilnehmenden Eltern sind durchgehend verbesserte Erziehungskompetenzen und große Zufriedenheit zu beobachten. Bei den Kindern verringert sich die Wahrscheinlichkeit zukünftig Probleme zu entwickeln (präventive Wirkung). Zudem nehmen bestehende Verhaltensprobleme deutlich ab.
Wie kosteneffektiv ist Triple P? Triple P hat das Potenzial, zahlreiche Lebensbereiche positiv zu beeinflussen. Dazu gehören neben der Förderung der kindlichen Entwicklung die Reduktion von Kindesmisshandlungen und –missbrauch, die Verbesserung der Lebensqualität der Eltern und gesellschaftliche Verbesserungen durch die Reduktion von Delinquenz und Kriminalität. In Australien wurde eine Analyse zur Kosteneffektivität von Triple P durchgeführt, die sich allein auf die Verhütung von oppositionellem Trotzverhalten (conduct disorder) beschränkt und damit eine sehr konservative Schätzung des Nutzens darstellt. Selbst für diesen Fall konnte gezeigt werden, dass Triple P als universelles Präventionsprogramm schon dann mehr Geld spart als es kostet, wenn es mindestens 6% der Fälle von Oppositionellem Trotzverhalten verhütet. Der Wirkungsgrad des Programms liegt nach konservativer Berechnung bei 26%!
Ergebnisse aus Deutschland:
Derzeit wird die Effektivität von Triple P in Deutschland im Rahmen eines breit angelegten, aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekts an der TU Braunschweig an ca. 500 Familien untersucht. Auswertungen nach einem Jahr zeigen ähnlich positive Ergebnisse wie in anderen Ländern, z.B. ließ sich die hohe Zufriedenheit der Eltern mit dem Programm bestätigen, der Anteil an klinisch auffälligem Verhalten bei den Kindern wurde durch das Programm deutlich gesenkt und das elterliche Erziehungsverhalten bedeutsam verbessert. Einige konkrete Ergebnisse:
· 90% der Eltern schätzen die Qualität des Programms als hervorragend ein.
· 82% empfinden das Training als hilfreich bis sehr hilfreich.
· Über 80% geben an, dass sich das Verhalten des Kindes verbessert hat.
· 80% geben an, dass sich die Beziehung zum Kind verbessert hat.
· 43% geben an, die Partnerschaft habe von dem Training profitiert.
Eine weitere, von der Jacobs-Stiftung finanzierte Studie konnte zeigen, dass auch sozial schwache Familien und Familien mit niedrigem Bildungsstand in gleichem Maße wie Familien aus der Mittelschicht von dem Elterntraining profitieren.
5 Modellprojekt
5.1 Projektidee
Die genannten Programme wurden bisher in Studien unter Forschungsbedingungen untersucht. Ob sich die Ansätze auch im Feld unter Praxisbedingungen bewähren, ist nicht bekannt. Bevor Präventionsprogramme flächendeckend eingeführt werden sollen, ist der Nachweis der Praxistauglichkeit unbedingt notwendig. Daher sollen in einer Modellstadt (oder Modellregion) die Präventionsprogramme eingeführt werden. Der Nachweis von positiven Effekten sollte sich nicht nur im subjektiven Erleben von Eltern oder Erziehungspersonen widerspiegeln, sondern vor allem auch in objektiven Maßen (z.B. Kriminalitätsraten, Herausnahme von Kindern aus der Familie, Heimunterbringung, Unfälle und Verletzungen, Schulabbrüche).
5.2 Ziele
Die Verringerung von Gewalt in Familien und von Gewaltbereitschaft unter Kindern und Jugendlichen soll im Modellprojekt durch die Allianz verschiedener am Erziehungsprozess beteiligter Institutionen erreicht werden. Dabei soll durch die Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz, sowie durch eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Eltern und deren Anlaufstellen, wie Kinderärzte, Hebammen, Kindergärten, Schulen o.ä. eine Basis geschaffen werden, die eine gesunde Entwicklung und Förderung unserer Kinder ermöglicht. Die bestehende Infrastruktur z.B. des Triple P Netzwerkes kann hierbei als Grundlage dienen und durch neue Kooperationspartner (s.u.) erweitert und ausdifferenziert werden. Der Mehrebenenansatz von Triple P ermöglicht dabei sowohl eine breite, öffentlich wirksame Kampagne durch sehr niedrigschwellige Angebote als auch spezifische Interventionen für Eltern mit größerem Unterstützungsbedarf. Dabei steht stets ein ökonomisches Vorgehen im Vordergrund, nämlich genau so viel Unterstützung wie nötig aber auch so wenig wie möglich zu geben. Durch die niedrigschwelligen und kurzfristigen Angebote soll es ermöglicht werden, alle Eltern, auch die sozial schlechter gestellten Gruppen, anzusprechen und so den Schichtenbias bisheriger Versorgung zu minimieren.
5.3 Projektbeteiligte
Potenzielle Partner des Projektes könnten sein: Beratungsstellen, Berufsverbände (z.B. Ärzte, Lehrer, Psychologen, Richter), Ärztekammern, Gerichte, Gewerkschaften, Jugendämter, Hebammen, Kindertagesstätten, Krankenkassen, Lokale Bündnisse für Familie, Medien, Schulen, Sportvereine/Verbände, Träger sozialer Arbeit (ASB, AWO, Caritas, Malteser, Johanniter, Pro Familia, Kirchen,...) und Unternehmen.
5.4 Maßnahmen/Programme
Verschiedene Maßnahmen und Programme sollen miteinander kombiniert und integriert werden. Dazu zählen kindzentrierte Ansätze zur Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern wie sie z.B. EFFEKT vermittelt genauso wie institutionsbezogene Ansätze wie z.B. Streitschlichter- und Mediationsprogramme in Schulen und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche z.B. in Kooperation mit dem Deutschen Kinder- und Jugendsportbund und ganz zentral elternzentrierte Ansätze wie z.B. Triple P, PEP oder EFFEKT.
5.4.1 Beispiel: Förderung elterlicher Erziehungskompetenz mit Triple P
In Braunschweig, Münster und anderen deutschen Städten werden seit Herbst 1999 u. a. Psychologen/innen, Pädagogen/innen, Lehrer/innen als Triple P - Gruppentrainer ausgebildet und in ein Qualitätssicherungssystem eingebunden, um eine fachgerechte Durchführung und damit auch die Wirksamkeit des Programms zu garantieren. Regelmäßige Supervisionen, Newsletter und das Triple P Netzwerk sind weitere wichtige Ressourcen, die im Projekt genutzt werden können. Mitte 2005 sind ca. 1.400 lizenzierte Triple P-Elterntrainer und Elternberater aktiv. Insgesamt existiert mit Triple P ein wirksames Programm zur Unterstützung von Eltern bei der Kindererziehung und damit zur Prävention von aggressiven und oppositionellen Verhaltensproblemen.
6 Kosten
Die Kosten richten sich nach den Möglichkeiten, die in der Modellstadt (-region) vorhanden sind. Kosten fallen an für Marketing, Anbieter, Eltern und Evaluation.
a) Marketing
Eine Präventionskampagne muss durch die Medien vor Ort gestützt und verbreitet werden. Es gilt also, die Printmedien, Radio oder TV für dieses Modellprojekt zu gewinnen, so dass die Kosten für Werbung entfallen könnten.
b) Anbieter
Es müssen genügend Trainer für die Durchführung der Programme ausgebildet werden. Pro Trainer fallen (inkl. Materialien und Supervision) ca. 1.000€ an.
c) Eltern
Die Teilnahmekosten für die Eltern lassen sich nur schwer abschätzen, da diese von der institutionellen Unterstützung der Trainer abhängen. Werden Erzieher-/innen, Lehrer-/innen oder Mitarbeiter von Erziehungsberatungsstellen ausgebildet und gehört die Durchführung von Präventionsmaßnahmen zu ihren Dienstaufgaben, so könnten die Elternkurse kostenlos oder für ein geringes Entgelt durchgeführt werden. Der Weg über die Kindergärten bietet sich im Land NRW in besonderer Weise an, da die Landesregierung beabsichtigt, die Erziehung zu stärken und dabei die Kindergärten zu Kompetenzzentren für Familien auszubauen.
Arbeiten die Trainer auf freiberuflicher Basis, so werden zwischen 150 - 200€ pro Familie pro Kurs erhoben.
d) Evaluation
Das Modellprojekt muss wissenschaftlich begleitet werden. An Personalkosten würden anfallen: a) 1 BAT IIa/2, b) Hilfskraftmittel (80 Std/Monat a 10€) und Verbrauchsmaterial (Kopien etc).



