Mittwoch, 21.05.2008

Am frühen Nachmittag machte sich eine Schar von 26 Richterinnen und Richter aus allen Teilen des Bergischen Landes - unter Ihnen Velberter, Remscheider und die Gruppe der sogenannten „Kinder“ (besonders junge oder junggebliebene Richterinnen und Richter) - sternförmig in Richtung Köln auf, um nach einer kleinen lokalen Erfrischung gemeinsam nach Brüssel zu reisen. Am Bahnhof Gare du Midi angekommen, sollten die 26 erstmals lernen, was es heißt, im Herzen Europas zu sein. Die Gruppe wählte die klassisch südeuropäische Variante des Taxitransfers zum Hotel: Die ersten zwei Taxifahrer verzichteten wegen der zu kurzen und wenig lukrativen Strecke dankend darauf, ihre Dienste zur Verfügung zu stellen. Weltgewand fand die Gruppe aber doch noch 5 Taxis, die den Transport auf sich nahmen. Die Preisspanne für die nach Routenplaner recht simple Strecke (einmal rechts dann nur noch geradeaus) betrug zwischen 12 und 16 EUR, abhängig von den Sprachkenntnissen des Taxifahrers und seiner Gäste...

Die Rue des Bouchers ist die berühmte „Fressmeile“ Brüssels. Hier wird zwischen den unzähligen und einladenden Auslagen von Austern, Fisch und Fleisch europäische Politik gemacht. Um einen ersten Eindruck davon zu bekommen, was es heißt, ein echter Europäer zu sein, kehrte die Gruppe im „Aux Armes de Bruxelles“ ein und genoss ein prunkvolles Dinner bester belgischer Art (eine Fusion internationaler Küche: Französisches Essen zu holländischen Portionen – die Belgier haben einfach das Beste von ihren nördlichen und südlichen Nachbarn übernommen). Anschließend schwärmten die 26 in kleinen Grüppchen aus, um sich der Aufgabe zu stellen, die ersten 200 von rund 400 belgischen Bieren zu verkosten.

Donnerstag, 22.05.2008 (Fronleichnam)

Nach einer nicht allzu langen Nacht traf die Gruppe kurz nach dem Morgengrauen auf den Hamburger Jung Malte Woydt. Tatsächlich hat Malte sich in den rund 10 Jahren, die er als echter Europäer sich nun in der beeindruckenden Metropole Brüssel aufhält, als einer der renommiertesten Stadtführer etabliert. Eine solche Stadtführung erlebte auch unsere Gruppe von Europalehrlingen. Eine volle Stunde nahm allein das größte Gebäude der Stadt in Anspruch - der beeindruckende Justizpalast – nicht ganz zufällig ein Stück größer als der Petersdom in Rom. Auch wenn Wuppertal selbst über durchaus schöne und repräsentative Gerichtsgebäude verfügt – hier könnte sogar der BLB (Bau- und Liegenschaftsbetrieb) noch etwas lernen...

Durch das ehemalige Adelsviertel der Oberstadt ging es über die alten Handwerkssiedlungen der Unterstadt zu Manneke Pis – über dessen Herkunft und Bedeutung wir an dieser Stelle nicht weiter spekulieren möchten, zum Grand Place, einem der prunkvollsten und beeindruckendsten Marktplätze Europas. Was fast niemand weiß: Die wesentlichen Elemente wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert als Touristenattraktion geplant – eine Art frühes Disneyland als visionäres Projekt zu einer Zeit, als es außer Italienreise und Brügge noch keinen nennenswerten Tourismus gab.

Nach einem kurzen schnellen Mittagessen ging es mit der Metro („U-Bahn“ sagt man bei uns) ins Europaviertel, ein im Laufe der letzten 50 Jahre völlig neu entstandener Stadtteil mit Schluchten aus Stahl, Beton und Glas: Im vielleicht letzten historischen Gebäude, in einer umgebauten Kirche (!), befindet sich das Besucherzentrum der Europäischen Kommission.

Mit seiner lockeren und mitreißenden Art gab Herr Prof. Dr. Ralf von Ameln, Mitglied des Sprecherteams der EU, erste vertiefte Einblicke in die EG/EU und ihre Institutionen und lieferte damit ein gutes Fundament für die weiteren Gespräche und Diskussionsrunden. Nach dem mit viel Esprit dargebrachten Vortrag hatte der nächste Referent einen schweren Stand, als er versuchte, die EU-Politik im Bereich der Strafjustiz – europäischer Haftbefehl, europäisches Zentralregister, Harmonisierung von materiellem Strafrecht und Strafprozessrecht sind nur einige der Stichworte – und die teils noch recht mühselige Arbeit der Kommission in der „3. Säule“ der EU seinen tapferen Zuhörern nahezubringen. Vergleichsweise ein Heimspiel hatte anschließend Herr Dr. Günter Wilms als Mitarbeiter des Juristischen Dienstes der Kommission („Rechtsabteilung“), eine Art Rechtsanwalt der Kommission (neudeutsch: Inhouse-jurist). Stolz konnte er von der erfolgreichen Arbeit seiner Abteilung bei der Vertretung der Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof berichten und interessante Einblicke in die Arbeit eines Juristen bei der Kommission vermitteln, wie es ihm auch gelang, viele juristische Probleme im praktischen Europarecht in kurzweiliger Form aufzuzeigen.

Nach den interessanten aber auch anstrengenden Gesprächen hieß es wieder, sich der belgischen Kultur zuzuwenden: Die zweite bekannte und berühmte Form der Belgischen Küche sind nichtvegetarische Fritten (zweifach in Rinderfett frittiert) mit allerlei Sorten Sauce (American, Andalous, Tatar, Pickles...), Käse- und Garnelenkroketten, Biergulasch und weitere Originalitäten, die die an jeder Ecke befindlichen Frituurs/Fritures für den geneigten Gast vorhalten. So gestärkt gingen unsere 26 geschlossen an die letzte Aufgabe des Tages: Die verbliebenen 200 Sorten belgischen Bieres zu verkosten. Dazu bietet sich das „Mort Subite“ an – eine urige, traditionelle Bierkneipe im Herzen der Altstadt. Bei Bier, Käse- und Wurstplatten erlitt der ein oder andere im Laufe des Abends seinen „plötzlichen Tod“ (Mort subite). Bevor jemand auf falsche Gedanken kommt: Der Name leitet sich von einem belgischen Würfelspiel ab. Der letzte Wurf dieses Spiels heißt „Mort subite“ – erst später entstand die gleichnamige Gaststätte und seine ebenfalls danach benannten Bierspezialitäten.

Freitag, 23.05.2008

Der Freitag begann mit dem Besuch des Parlaments der Europäischen Union. In knapp zwei Stunden gab es verschiedene Einblicke in das Parlament und seine Arbeit – in Ausschuss- und Plenarsaal ebenso, wie in die oft beschwerliche Arbeit mit Dolmetschern in 23 Sprachen - unter anderem gälisch und maltesisch – für letztere gibt es weltweit nur 6 (!) Dolmetscher gemäß EU-Standard. Die EU-eigene Art der Gesetzgebung wurde unseren 26 angehenden Europakennern so ein weiteres Stück verständlicher...

Nach einem kargen Kantinenessen drängte der enge Zeitplan bereits zum nächsten Programm- und heimlichen Höhepunkt der Fahrt: Dem nur auf dem Papier spröde klingenden Besuch bei der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Europäischen Union. Durch den Hintereingang schlich sich unsere Gruppe in einen Besprechungsraum, um dort einen waschechten Lobbyisten (!) zu treffen – dies sind Menschen, die gar nicht so unangenehm und schmierig sind, wie sich manch eine Teilnehmerin in ihren Phantasien vorgestellt hatte. Jedenfalls gab Herr Staatsanwalt Dr. Burr sehr interessante Einblicke in die tägliche Arbeit der „Speerspitze“ des Landes bei der EU. Probleme wie der Gerichtstand bei Patentfragen sind nur auf den ersten Blick reine juristische Spezialfragen. Bei einem näheren Blick offenbaren sich erhebliche wirtschaftliche Interessen, die eine gut besetzte und starke Landesvertretung mehr als rechtfertigen. Anschließend ließ unsere Wuppertaler Richterin Frau Gudrun Kirschner, derzeit im Referat B 4 – Verbraucherschutz – bei der EU tätig, die sich zu Europakennern entwickelte Gruppe auf launige und kurzweilige Art und Weise am mühseligen Alltag eines Kommissionsbeamten auf dem Weg zur Verabschiedung einer Richtlinie – konkret der Verbraucherkreditrichtlinie – teilhaben. Wir danken ihr sehr für die Unterstützung bei der Organisation der Reise und für diesen Beitrag.

Danach blieb insbesondere den weiblichen Jungeuropäern nur wenig Zeit, um in verschiedenen Patisserien die berühmten Belgischen Pralinen zu verkosten und zu erwerben, bevor es auch schon wieder mit dem Taxi zum Bahnhof ging: Diesmal zu einem Durchschnittspreis von rund 8 EUR für die Strecke - 3 Tagen erworbener Orts- und Europakenntnis sei Dank!

Viel zu schnell ging es dann mit 250 km/h zurück nach Köln und in die Heimat. Aber die nächste Fahrt wird bestimmt nicht auf sich warten lassen...