Sie ist wieder da: die kolumbianische Richterin Maria Stella Jara Gutierrez. Sie hatte in der zweiten Hälfte des Jahres 2010 Zuflucht in Deutschland suchen müssen und kurz vor ihrer Rückkehr den Richtern und Staatsanwälten im Raum Aachen in einer beeindruckenden Veranstaltung die Hintergründe ihres Exils geschildert. Seitdem waren der Kontakt zu ihr und das Interesse der Kollegen nie abgerissen. Die Flucht hatte ihr 2010 das Entwicklungshilfswerk MISEREOR mit Unterstützung der Kolumbienhilfe des DRB möglich gemacht. Über die Feiertage und den Jahreswechsel hielt sich Frau Jara Gutierrez nun erneut in Aachen auf.

 

 

 

Diesmal machte sie Urlaub in Deutschland. Als die Länderreferentin Kolumbiens von MISEREOR, Susanne Breuer, den Aufenthalt ankündigt, ist die Veranstaltung der Bezirksgruppe Aachen schnell geplant. In einer Einführung gibt Frau Breuer einen kurzen Überblick über die politische und gesellschaftliche Entwicklung des von Bürgerkrieg und Drogenkampf schwer gezeichneten Landes. Der neue Präsident, jetzt schon über ein Jahr im Amt, scheint seine Ankündigungen tatsächlich umsetzen zu wollen. Doch der Teufel steckt wie immer im Detail. Die Kollegin sei erneut nach Deutschland gekommen, weil sie sich hier frei bewegen könne. Die Zuhörer erinnern sich dabei, dass sich die Referentin in dem Andenstaat nach langem Kampf um Personenschutz schließlich nur noch von Leibwächtern umringt bewegen kann. An dieser Situation hat sich bis heute – eineinhalb Jahre nach Abschluss des aufsehenerregenden Prozesses – nichts geändert. Gut für ihre Sicherheit, aber schlecht für die Lebensqualität. „Das Leben spielt sich zwischen Büro und Wohnung ab, und auch dort ist immer ein Personenschützer dabei“, berichtet sie. Die Zuhörer können förmlich spüren, wie befreiend sie das Leben im weihnachtlichen Aachen empfindet. Beruflich ist sie wieder dort angekommen, wo sie vor dem großen Verfahren tätig war.

Zwischenzeitlich war sie für mehrere Monate in Gerichten beschäftigt, die im Rahmen des Übergangsprozesses „Gerechtigkeit und Frieden“ die Gräueltaten von Guerilla und Paramilitärs aufarbeiten und so den fruchtbaren Boden für eine sichere, zivile Struktur Kolumbiens bereiten sollen. Was sich so versöhnlich anhört, bekommt durch die Schilderungen der Kollegin bald eine hässliche Fratze: Die Kammern – besetzt mit drei Richtern – behandeln das, was sich Bürgerkriegsgegner nun einmal antun: Vertreibungen, Massaker, Folter und andere Gräueltaten. Weil ein Drogenkorridor freigehalten werden soll oder weil sie im Verdacht stehen, die Guerilla zu unterstützen, werden die Bewohner irgendeines kleinen Dorfes, in das kein Arm einer staatlichen Gewalt reicht, von den Paramilitärs vertrieben. Die Häuser werden in Brand gesetzt. Die Männer vor der versammelten Dorfgemeinschaft erschossen oder erschlagen. Wer davonkommt, endet in den Elendsvierteln der nächsten Großstadt. Acht Jahre Strafgewalt haben die Spruchkammern – unerträglich wenig gemessen an der menschenverachtenden Brutalität und dem unermesslichen Leid. Dieser Spagat ist der hoffentlich nicht zu hohe Preis, den die Transitions-(„Übergangs“-)justiz in Kolumbien wie in vielen anderen Ländern vielleicht zahlen muss. Aber diese Kammern sollen nicht nur verurteilen. Sie sollen auch die Opfer entschädigen – mit Land, mit Geld. Doch die Besitzverhältnisse waren oft schon vor der Vertreibung nicht klar. Und wo sie klar waren, helfen ein wenig Druck und Korruption, um die Opfer von der Rückgewinnung auszuschließen. Und Geld ist sowieso zu wenig da. Bei diesen Schilderungen, nicht bei der Darstellung der persönlichen Bedrängnis, zeigt sich die Anspannung der Referentin. Mit den psychischen Folgen, die die Zeiten der persönlichen Bedrohung und die Konfrontation mit den Grausamkeiten bei ihr ausgelöst haben, geht sie offen um.

Ob sie denn bei den Tätern Reue spürt, lautet eine Frage. Und ob sie für ihre Tätigkeit Rückhalt in der Gesellschaft spürt. Sie glaube schon, dass die Gesellschaft die Tätigkeit der Justiz honoriere. Aber eine echte Reue, die Möglichkeit der Versöhnung, habe sie praktisch nicht erlebt, antwortet Jara Gutierrez. Und die Zuhörer können es kaum glauben, dass sich an die beklemmenden Schilderungen einmal mehr eine Liebeserklärung an ihr Heimatland und an ihren Beruf anschließt. Wer, wenn nicht eine starke, unabhängige Justiz, sollte denn sonst einem Land beistehen, das sich zwischen Armee und Drogenhandel, zwischen Paramilitärs und Guerilla seit langen Jahren zerreibt. Und diese Justiz soll jetzt reformiert werden - leider nicht wirklich zum Besseren, wie ein Brief der obersten Spitzen der kolumbianischen Justiz an den Staatspräsidenten erahnen lässt, den Jara Gutierrez zum Abschluss verliest.

Der Weg zurück zur Normalität ist lang – vielleicht zu lang für ein Berufsleben einer Richterin in Kolumbien. Jara Gutierrez möchte gern wieder am Übergangsprozess mitwirken – also von Massakern, Vertreibung und Folter hören und die Täter, die sich dem Übergangsprozess unterwerfen, zu höchstens acht Jahren Freiheitsentzug verurteilen. Sie möchte sich weiter den Anfeindungen aussetzen, sie sei eine Anhängerin der linken Guerilla. Sie steht für viele Richter und Staatsanwälte in ihrem Land, die sich und ihre Angehörigen wegen ihres Einsatzes bedroht sehen. Sie zeigt Flagge für eine unabhängige Justiz. Und wenn die Dame mit Augenbinde, Schwert und Waage in Kolumbien ein Gesicht bräuchte, wäre es das von Maria Stella Jara Gutierrez – jedenfalls aus Sicht der Aachener Richter und Staatsanwälte.

Eine kurze Bildergalerie:

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erschien zuerst in RiStA 2/2012. Die Kolumbienhilfe des DRB sammelt Spenden über das Konto des Hilfswerks MISEREOR e. V. Kto. Nr. 2014 bei der Sparkasse Aachen, BLZ 390 500 00. Bitte "Stichwort: Kolumbienhilfe des DRB" angeben.