Politische Häftlinge in der Gewalt der STASI und der DDR-Justiz - Zeitzeugnis macht Unrecht fassbar

Am 11. Dezember 2012 veranstaltete der DRB-NRW e.V. in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und dem OLG Düsseldorf eine Gedenkstunde mit dem Zeitzeugen Peter Keup.

 

Einen Tag nach dem historischen Datum der Verabschiedung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ am 10. Dezember 1948 nahm die Präsidentin des OLG Düsseldorf, Anne-José Paulsen, in ihrem stimmungsvollen Grußwort Bezug auf diesen historischen Meilenstein einer erstmaligen Verständigung auf Rechte für alle Menschen. Sie bedankte sich bei dem Ehrengast, Peter Keup, für seine Bereitschaft, Zeugnis erlittenen Unrechtes abzulegen. Sie wies die im Plenarsaal des OLG versammelten zahlreichen Zuhörer darauf hin, dass das OLG seit den 70er Jahren selbst mehrfach mit DDR-Unrecht befasst war. Die DDR-Spione Günter Guillaume und Markus Wolf wurden hier verurteilt. Mit einem Zitat aus dem Tonbandmitschnitt einer internen Dienstbesprechung hoher STASI-Offiziere und den Worten Erich Mielkes, der mit Schuften ganz kurzen Prozess zu machen empfiehlt: „ All das Geschwafel von wegen nicht Hinrichten und nicht Todesurteil – alles Käse“, fand sie die gelungene Überleitung zum Grußwort des Justizministers, der die Verantwortung gerade der Staatsanwälte und Richter betonte, sich täglich neu für den Rechtsstaat einzusetzen. Daraus wachse die Verpflichtung, sich auch mit der jüngeren deutschen Geschichte zu befassen.

 

Den Einstieg in diese Geschichte erleichterte der Ausschnitt aus einem Dokumentarfilm, den Peter Keup mit der Berliner Filmjournalistin Klara Höfels gedreht hat: Ein Gefängnis, eine kleine, karge Zelle, ein schmaler Innenhof, begrenzt von hohen Mauern und überspannt von Wellblech, ein winziger Streifen Himmel - das STASI-Gefängnis an der Bautzener Straße in Dresden, Schauplatz seiner Untersuchungshaft. Die beklemmende Enge und Isolation wird durch die Kommentare des durch die Haftanstalt wandernden Keup spürbar, der am Ende des Ausschnitts, zusammengesunken auf einem Hocker in der Isolierzelle kauert; dabei stellt er fest, dass das Gebäude heute für ihn heute fast schlimmer ist als damals; erst jetzt vermag zu zu begreifen, was man das Menschen angetan hat, wo doch das Leben in Freiheit das elementarste Grundrecht ist.

„Ich stelle nicht ‚Die DDR‘ vor – ich berichte über mein Leben in und meine Erfahrungen mit der DDR - eine ganz persönliche Reflektion“ so begann der Zeitzeuge, der häufig an Schulen, Unis und Bildungseinrichtungen aber nur selten in Gerichten zu Gast ist (letztere haben auf ihn immer noch eine leicht angsteinflößende Wirkung), seinen Bericht; dieser riss zu Zuöhrer mit und wirkte auch nach Ende der Veranstaltung nach. Keup verallgemeinerte nicht und schaffte mit dieser individuellen Perspektive einen guten Zugang. Die Frage - die zu seinem Unverständnis noch diskutiert wird – ob die DDR ein Unrechtsstaat war – solle jeder Zuhörer für sich selbst beantworten. Authentisch und bildhaft schilderte er seine Geschichte, den gescheiterten Versuch der Republikflucht und sein persönliches Erlebnis der Haft. Seine Eltern stammten aus Essen, der Vater war nach dem Krieg in die kommunistische Partei eingetreten und in die DDR gezogen, später reiste die Mutter nach.

Peter Keup wurde 1958 in Radebeul geboren, einem kleinen Ort zwischen Meißen und Dresden. Kindheit und Jugend erlebte er unbeschwert, wenn ihm auch erste Zweifel kamen, weil der in Westdeutschland lebende „Klassenfeind“ die DDR besuchen durfte, während man selbst ihn sich nicht angucken konnte. Sein Leben änderte sich von heute auf morgen dramatisch, nachdem die Eltern einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Die Familie wurde mit Einschüchterungen und Schikanen überzogen. Der 15 Jahre alte Keup wurde von seiner Klassenlehrerin aufgefordert, sich von seinen Eltern zu distanzieren und sich einer anderen Familie zuordnen zu lassen. Die Weigerung, seine Familie zu verlassen, kostete ihn die Möglichkeit das Abitur zu machen. Ihm wurde gestattet, sich aus einem schmalen Katalog von möglichen Ausbildungsberufen – alle Berufe mit öffentlichem Bezug waren ausgeschlossen – einen auszuwählen. Er durfte aber nicht in jedem Betrieb lernen und auch nicht in der Landeshauptstadt arbeiten – unzumutbare Fahrt- und Abwesenheitszeiten von zu Hause waren die Folge. Die Familie wurde ständig ins Ministerium für Inneres einbestellt, musste zur „Klärung eines Sachverhaltes“ stundenlang warten und sich Verhören aussetzen, die neun Jahre alte Schwester wurde manchmal allein vernommen. Die Schikane begleitete Keups Leben. Bis er, ermuntert durch seine Mutter, für sich und seine Schwester einen Freiraum fand: Den Tanzsport. Weil das Tanzen keine olympische  Disziplin war,  gab es hier keine staatliche Gängelei. Gemeinsam mit seiner Schwester erreichte er bei den DDR-Meisterschaften den 3. Platz, das Paar wurde in den ostdeutschen Nationalkader aufgenommen und nahm an internationalen Turnieren im Ostblock teil. Eine Teilnahme an Turnieren im Westen war jedoch verwehrt, beide wurden von der STASI beobachtet. Nachdem er unerlaubt Kontakt zu einem westdeutschen Tanzpaar aufgenommen hatte, wurde Keup gerügt und bestraft, Trainingseinheiten wurden gestrichen. Das war ihm unerträglich, jetzt wollte er nur noch, wie er seiner Mutter anvertraute „Abhauen“.

Mit dem Mann einer Freundin seiner Mutter schmiedete er den Plan, durch die Donau zwischen Ungarn und Österreich zu schwimmen. Er bereitete sich vor, schwamm durch die Elbe, hielt sich im Wald auf. Das beantragte Visum für Ungarn wurde allerdings abgelehnt – ohne Angabe von Gründen, denn solche Entscheidungen mussten nicht begründet werden. Keup wollte trotzdem raus. Er nähte DM in seine Jeans ein und kaufte sich eine Fahrkarte Richtung Tschechoslowakei – Einfache Fahrt. Das machte den Schaffner misstrauisch, der Polizei und Militär verständigte, die sämtlich anrückten in einem Abteil für 8 Personen – eine surreale Situation. Keup musste sich entkleiden, wurde durchsucht und als die DM gefunden wurden, abgeführt. Zwei Tage lang musste er in einer Baracke am Bahnsteig die immer gleiche Prozedur über sich ergehen lassen: Zwei helle Lampen auf ihn gerichtet und die Frage, ob er vorgehabt habe, die DDR ungesetzlich zu verlassen. Schlafen durfte er nicht, zu trinken sollte er erst bekommen, wenn die Frage beantwortet sei, zur Toilette ging es nur mit Begleitung, die Situation war nicht zu ertragen. Schließlich kam ein neuer Beamter der ihm eröffnete, dass es sich nicht lohne, so weiter zu machen, denn er sei verpfiffen worden. Keup, völlig am Ende, gab den Vorwurf schließlich zu. Augenblicklich durfte er rauchen, etwas essen und schlafen. Dann wurde er verhaftet, Handschellen angelegt, und aus der Baracke ging es direkt in einen Lieferwagen, aus dem heraus er nach zweieinhalb Stunden Fahrt in unnatürlicher Haltung und ohne frische Luft in einen anderen Raum geführt wurde. Hier warteten Wächter mit Maschinengewehren im Anschlag, eine derart überzogene Situation, dass für Keup fast klar war, dass er jetzt wohl erschossen werde. Gesagt wurde ihm nichts, er musste sich aus- und Sträflingskleidung anziehen und tauchte ab in eine unbeschreibliche Welt. Er wusste nicht, wo er war, Fragen zu stellen war verboten, die Schließer bekam man nie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Denn wenn man die Zelle verlassen durfte, musste das Gesicht zur Wand gedreht sein. Namen wurden nicht genannt, die Häftlinge wurden mit Zahlen angesprochen. Eine Kontaktaufnahme untereinander war verboten. Die Vernehmung nahm immer dieselbe Person vor. Sein Vernehmer wurde für Keup unheimlich wichtig, denn er war der einzige, der ihn mit Namen ansprach, mit dem eine Art Dialog möglich war. Diese Beziehung wurde gezielt eingesetzt, manchmal wurde man täglich vorgeführt, manchmal tagelang gar nicht.

Keup wurde ein Anwalt zugeteilt, den er nie zu Gesicht bekam. Einen Tag vor seinem Prozess suchte ihn ein anderer Anwalt auf, ein Unterbevollmächtigter von Dr. Wolfgang Vogel aus Berlin, zentrale Figur im Häftlingsfreikauf durch die BRD, den seine Großeltern beauftragt hatten. Er wies Keup an, im Prozess nur auf Fragen zur Person zu antworten. Im Oktober 1981 wurde Keups Fall vor dem LG Dresden verhandelt. Seine Mutter glaubt, dass die Richterin ihn gut leiden mochte. Keup wurde zu vergleichsweise milden 10 Monaten Haft verurteilt, auf die die Untersuchungshaft angerechnet wurde. Damals war er empört, weil er es ja nicht einmal bis zur Grenze geschafft hatte. Heute weiß er, dass das ein komfortables Urteil war. Sein Fluchtpartner etwa, den man in der Donau schwimmend aufgegriffen hatte, saß 30 Monate in Bautzen. Er habe ihn später einmal wieder gesehen, sehr gebeugt, die Haare ganz weiß. Er wollte nicht reden, sich nicht wieder treffen. „Ich habe noch Glück gehabt.“ sagt Keup.

Den Strafvollzug trat er in Cottbus an, 18 Personen in einer Zelle mit einer Toilette und einem Waschbecken. Eine kaum zu beschreibende Atmosphäre voller Aggressivität, in der versuchte, nicht aufzufallen, sich 'raus träumte. Er sei relativ gut durchgekommen und nicht misshandelt worden Von Allem, dem man dort ausgesetzt gewesen sei, nehme man aber immer einen Schaden mit.  Verlegt in das STASI-Gefängnis in Chemnitz erhielt Keup schließlich einen Haftentlassungsschein „nach der BRD“. Mitten im Gefängnishof hielt ein moderner Reisebus in den die freigekauften Häftlinge einstiegen. Im Bus erhielten sie von Dr. Vogel die Anweisung, sich still zu verhalten, bis sie die DDR verlassen hätten. An der Grenze hielten sie an und mehrere Personen stiegen wieder aus – bis zuletzt hatte die STASI im Bus gesessen.

Nach dem Empfang in der BRD, den Keup als komfortabel beschreibt, konnte er endlich seine Großeltern in Essen anrufen. Im März 1982 kam er dort an, in der Stadt, aus der seine Eltern kamen, die er vorher nie gesehen hatte und in der er bis heute lebt. Massenhaft Fragen beantwortete der Zeitzeuge dann den sichtlich betroffenen Zuhörern. Den Mauerfall habe er enttäuscht und ratlos erlebt, sein Sicherheitsgefühl sei erschüttert worden. Er wollte die DDR nicht um sich haben, das Land nicht mit den Leuten teilen, die ihn bedroht und verfolgt hatten. Den DDR-Bürgern aber habe er die Freiheit gewünscht. Heute noch sei es für ihn wichtig, wann er auf Reisen die ehemalige Grenze passiere, und wenn er sich in Berlin aufhalte, buche er immer ein Hotel im Westteil der Stadt. Auf die Frage, ob er sich wünsche, dass jemand zur Rechenschaft gezogen werde, erklärte Keup, er habe nicht den Wunsch nach Bestrafung, hege keine Hassgefühle. Seinen Vernehmer würde er gerne treffen, vier Monate lang war er fast ein Freund; ihn würde er gerne mal fragen – nach seiner Sicht der Dinge.

Mit seinem Zeugnis ließ Keup ein erschreckendes Stück Deutsche Geschichte lebendig werden. Mit der Erinnerung hieran hat der Richterbund die Bedeutung des Internationalen Tages der Menschenrechte eindrucksvoll unterstrichen.